Gefangenenarbeit und Resozialisierung
Systematische Literaturübersicht internationaler quantitativer und qualitativer Studien
Projektlaufzeit: 20.09.2024 - 31.07.2025
Projektbeschreibung
Ziel des Projekts ist es, einen Überblick über die empirischen Befunde zu folgender Fragestellung zu geben:
In welchem Ausmaß und unter welchen Umständen haben Gefangenenarbeit und arbeitsbezogene Programme in Deutschland einen resozialisierenden Effekt?
Da erste Literaturrecherchen in Vorbereitung auf das Projekt wenige Studien aus Deutschland zutage gefördert haben, soll sekundär zudem die folgende Forschungsfrage beantwortet werden:
Was kann internationale Literatur zur Beantwortung dieser Fragestellung beitragen und wie sieht die Situation in anderen Ländern aus?
Zur Beantwortung dieser Fragestellungen wurden 14 einschlägige oder fächerübergreifende Datenbanken aus Sozial- und Rechtswissenschaften durchsucht, um möglichst vollständig alle relevanten Studien zur genannten Fragestellung zu identifizieren. Es wurden einerseits quantitative Daten in den Blick genommen, die sich im Wesentlichen mit den Auswirkungen von Gefangenenarbeit auf die Legalbewährung und die Beschäftigung nach der Haftentlassung konzentrieren. Um auf der anderen Seite auch die Sicht der Inhaftierten und die Sicht der Vollzugspraxis abbilden zu können, wurden zusätzlich qualitative Forschungsarbeiten eingeschlossen. Diese geben zudem Einblicke, unter welchen Umständen Gefangenenarbeit resozialisierend wirken kann und welche weiteren Funktionen Gefangenenarbeit neben der Resozialisierung haben kann.
Eingeschlossen wurden Studien, die Inhaftierte oder bereits aus der Haft entlassene Personen untersuchten, die während des Vollzugsaufenthalts gearbeitet haben. Die beiden Hauptendpunkte der Übersicht sind Rückfälligkeit bzw. Legalbewährung und Beschäftigung nach der Haft wobei in qualitativen Studien ein Schwerpunkt auf der Betrachtung der Funktionen von Gefangenenarbeit lag. Die Suche ergab 4.711 Treffer, von denen 1.294 als Duplikate identifiziert wurden. Die verbleibenden 3.417 Studien wurden durch zwei unabhängige Beurteilerinnen aufgrund einer Durchsicht von Titel und Abstract und im zweiten Schritt anhand des Volltextes auf ihre Relevanz untersucht. Insgesamt stellten sich 33 Studien als relevant für die Fragestellung heraus.
Vor dem Hintergrund einer ausgeprägten Heterogenität der gefundenen quantitativen Studien – diese stammen aus neun verschiedenen Ländern und sowohl Gefangenenarbeit als auch die Endpunkte wurden unterschiedlich operationalisiert – ist es wenig überraschend, dass die Ergebnisse teilweise uneindeutig ausfallen. Umso stärker ist die Einheitlichkeit des Befundes zu bewerten, dass Gefangenenarbeit positive Auswirkungen auf die Arbeitssituation nach der Haft hatte, da dieses Ergebnis länderübergreifend und trotz der unterschiedlichen Operationalisierungen stabil blieb. Allerdings hob sich Gefangenenarbeit hierbei nicht von anderen Behandlungsmaßnahmen ab, sondern schien ähnliche Effekte zu haben. Die uneindeutigen Ergebnisse zur Legalbewährung könnten hingegen teilweise über die Heterogenität der Studien erklärbar sein, da nicht zuletzt auch Uneinigkeit darüber herrschte, für welche weiteren Einflussfaktoren neben der Demographie kontrolliert werden sollte.
Die Qualitativen Studien zeigten recht anschaulich auf, dass Gefangenenarbeit eine Vielzahl von Funktionen haben konnte, von denen Resozialisierung nur eine war. Gefangenenarbeit konnte dem reinen Zeitvertreib dienen oder ein Lernfeld für berufliche Fähigkeiten sein. Sie konnte zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen, soziale Interaktion ermöglichen und eine Abwechslung zur Eintönigkeit des Haftalltags darstellen. Gefangenenarbeit konnte aber auch ganz einfach dazu dienen, für den Lebensunterhalt im Vollzug selbst zu sorgen. Für die meisten Befragten kam der Form und den Rahmenbedingungen der Gefangenenarbeit eine große Bedeutung zu. So wurden im Allgemeinen komplexere Tätigkeiten mit mehr Abwechslung und Entwicklungsmöglichkeiten positiver bewertet als monotone Tätigkeiten. Auch war den Befragten die Wertschätzung ihrer Arbeit wichtig, die entweder monetär oder aber auch im zwischenmenschlichen Umgang ausgedrückt werden konnte.
Ein ausführlicher und umfangreicher Ergebnisbericht zum Projekt, dem diese und weitere Ergebnisse zu entnehmen sind wurde als BM-Online Band 41 veröffentlicht.
Publikationen
Biedermann, Laura; Akgül, Zilan; Dessecker, Axel; Rettenberger, Martin: Gefangenenarbeit und Resozialisierung. Systematische Literaturübersicht internationaler quantitativer und qualitativer Studien. Wiesbaden: KrimZ, 2025. (BM-Online ; Bd. 41) ISBN 978-3-945037-60-7